Hilary Mantel, Von Geist und Geistern

Hilary Mantel

Hilary Mantel, englische Schriftstellerin, Kritikerin und Juristin, wuchs in einer großen irisch-katholischen Familie auf. So die deutschsprachige Wikipedia. Wenn ich das lese, kann ich erahnen, was das an Verletzungen, Leiden und Lebensthemen bedeutet. Jetzt ist ihre Autobiographie Von Geist und Geistern erschienen. Eine Nacht voller Schreie.

Katholischer Gulag

Mantel ist nicht beunruhigt, wenn sie Dinge sieht, die nicht da sind. Sie hat Visionen und erzählt davon, als sei es nichts Besonderes. Ihre Welt ist voller Lücken, Sehstörungen, goldener Blitze, Halluzinationen … Ihre Gefühle zur Vergangenheit erscheinen undurchdringlich und vernebelt, durchsetzt mit Barbiturat-Pillen. Hilary Mantel blickt zurück und erkennt die Geister anderer Leben, die sie hätte führen können. Kinder hätte sie haben können, die sie nicht bekommen hat.

Von Geist und GeisternDie katholische Kirche zwang sie zu glauben, etwas Falsches getan zu haben. Etwas, das sich nicht in Ordnung bringen ließ und keine Erlösung fand. Ständige Einschnürung, systematisches Unterdrücken jeglicher Spontaneität. Mantel fühlte sich wie unter Geistesgestörten, bösartigen und dummen Menschen. Wärtern. Sie brauchte Unmengen von Energie, um ihre eigenen Gedanken wenigstens einigermaßen klar zu halten. Ansonsten fürchtete sie ausgelöscht zu werden.

Ich frage mich, wie eine Frau aus einfachsten Verhältnissen und mit dem bedrückenden Erlebnis der irisch-katholischen Erziehung die Kraft fand, zigmal im literarischen Leben Englands zu triumphieren, wie sie es schaffte, aus ihrem „unordentlichen“ Leben heraus, ihrer schwer beschädigten Seele historische Meisterwerke zu veröffentlichen. Sie hat ihre Kindheit im katholischen Gulag verbracht, wie er heute kaum mehr vorstellbar ist. Dazu kommt noch die Endometriose, Schleimhautwucherungen in Organen und Körperhöhlen, die ihren Körper in ein Gefängnis voller Schmerzen verwandeln.

Schriftstellerei als Rettung

Von Geist und Geistern hat also nichts mit Esoterik zu tun, sondern ist die Schilderung von schmerzhaftesten Selbsterfahrungen – von falschen Diagnosen über die Behandlung mit „falschen“ Psychopharmaka oder die Einweisung in die Psychiatrie. Deutlich wird dabei, wie ihre Romanideen aus dem lebensgeschichtlichen Hintergrund hochwachsen. Das mag ihre Rettung gewesen sein: Dass sie lebenslang gegen ihre Krankheiten kämpfte und mit Härte und Durchsetzungswillen ihren Rang in der Literatur errang – ohne sich dabei zu verhärten. Aber sie weiß: Wenn sie nicht krank und katholisch verbogen worden wäre, hätte sie noch mehr erreichen können.

Mehr Informationen über die Mantel-Autobiographie!

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