Heiner Geißler – Was müsste Luther heute sagen?

Bestsellerautor Heiner Geißler stellt als Katholik die provokante Frage, ob wir heute nicht einen neuen Luther bräuchten. Was müsste Luther heute sagen? ist das neue Buch des Ex-Politikers – und in mancher Hinsicht ein sehr überraschendes.Was müsste Luther heute sagen?

Überraschend zum Beispiel, weil der ehemalige Jesuitenschüler Heiner Geißler behauptet, jeder intelligente Katholik sei in seinem Inneren stets auch ein Protestant. Geißler setzt sich kritisch mit Leben und Werk Martin Luthers auseinander. Könnte – und würde – der Reformator auch heute noch die Welt verändern? Was sähe er in den christlichen Kirchen der Gegenwart als reformbedürftig an? Würde er die Kirchen wieder einen? „Heiner Geißler – Was müsste Luther heute sagen?“ weiterlesen

Ärger mit der Unsterblichkeit – Fred vom Jupiter erzählt aus seinem Leben

Anfang der 1980er-Jahre wurde Andreas Dorau mit dem Hit Fred vom Jupiter ein Star der Neuen Deutschen Welle. Da war er gerade 16 Jahre alt und da beschloss er auch, sein Leben der Kunst zu widmen. Heute kennt er den Kunstbetrieb. Ärger mit der UnsterblichkeitZusammen mit „Ghostwriter“ Sven Regener gewährt er in Ärger mit der Unsterblichkeit tiefe Einblicke in die deutsche Musikindustrie und Unterhaltungsbranche. „Ärger mit der Unsterblichkeit – Fred vom Jupiter erzählt aus seinem Leben“ weiterlesen

Israel ist an allem schuld von Schapira/Hafner

Israel ist an allem schuld. Warum der Judenstaat so gehasst wird. Das versuchen Georg M. Hafner und Esther Schapira zu klären. Esther Schapira ist eine deutsche Journalistin und Filmemacherin, die 2007 zusammen mit dem Mitautor Georg M. Hafner die Buber-Rosenzweig-Medaille erhielt. Schon früher veröffentlichten die beiden Autoren gemeinsam, etwa Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist. Mit dem Buch Israel ist an allem schuld wenden sich Schapira und Hafner der jüdischen Gegenwart zu.

Israel ist an allem schuld und deutscher Antisemitismus

Das Buch Israel ist an allem schuld entstand aus dem Plan, ein Schwarzbuch über den Antisemitismus zu veröffentlichen. Doch aktuelle Entwicklungen ließen den Plan in eine andere Richtung wachsen. Immer öfter hörten die Autoren den Satz „Man wird doch wohl noch Israel kritisieren dürfen, ohne Antisemit zu sein“. Der Satz liegt in etwa auf der Ebene „Man wird doch wohl gegen die Aufnahme von Wirtschaftsflüchtlingen in Deutschland sein dürfen, ohne rechtsradikal zu sein“. Beide Sätze drücken Halbwahrheiten aus. Jedenfalls glauben Hafner und Schapira, dass der auf Israel bezogene Satz nur dazu dient, den eigenen Antisemitismus zu kaschieren. Viele Deutsche hätten Methoden der Tarnung entwickelt, um ihren immer noch verankerten Antisemitismus an den Mann oder die Frau zu bringen.

Legitime und illegitime Israelkritik

Gibt es also keine legitime Israelkritik? Wo ist der Unterschied zur antisemitischen Israelkritik, die Leute wie Grass, Walser und Augstein salonfähig gemacht hätten. Im Gegensatz zu den Juden hätten in den letzten Jahren die Palästinenser jede Sympathieschlacht gewonnen. Egal, ob sie Menschen auf Verdacht hinrichten, Schwule verfolgen, Ehrenmorde begehen, korrupt sind, menschliche Schutzschilde benutzen. In Deutschland würde Israel abgesprochen, sich gegen palästinensische Terroristen wehren zu dürfen, denn Terroranschläge gegen Israel seien nur ein Beweis für die verzweifelte Situation der Palästinenser. Um herauszufinden, ob Israelkritik legitim oder antisemitistisch ist, sollte man laut den Autoren drei Fragen stellen. Wird Israel dämonisiert?, Wird Israels Politik oder gar Existenz delegitimiert? Misst man, wenn es um Israel geht, mit doppelten Maßstäben?

Egal ob Politik oder Kirche: Verdeckter Antisemitismus ist in der kulturellen Elite Deutschlands an vielen Stellen nachzuweisen. Man ruft zum Boykott israelischer Waren auf, weil Israel die Palästinenser unterdrücke. Es ist perfide, dass hierzulande Juden für den Terror andere verantwortlich gemacht werden. Das geht auf nationalsozialistische Denkmuster zurück. Auch die Nazis sahen die Juden als Täter, nicht als Opfer. Dabei müsste Israel um sein nacktes Überleben kämpfen. Dass sich die Juden auf dem Hintergrund von Holocaust und Vertreibungen aus Europa, die ins Mittelalter zurückgehen, an ihren Staat Israel klammern und ihn gegen Feinde mit Gewalt verteidigen, müsste eigentlich auf der Hand liegen. Dass das gerade Deutsche nicht verstehen, erscheint Schapira und Hafner zynisch.

Israel ist an allem schuld erschien pünktlich zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Es ist ein Buch, das provoziert, zeigt es doch, welch einseitig verzerrtes Bild die Deutschen sich vom Nahostkonflikt machen. Ob das damit zu tun hat, dass sich die Täter von einst ein als unerträglich empfundenes Schuldgefühl vom Hals schaffen wollen, indem sie mehr und mehr auf das Schuldkonto des existierenden Staates Israel buchen? „Ich bin ja kein Antisemit, aber …“

Thilo Bode, Die Freihandelslüge

Worum es in dem Buch Die Freihandelslüge von Thilo Bode geht ist schnell erklärt. Auf einen Nenner gebracht soll das angestrebte Freihandelsabkommen zwischen Amerika und der EU Verbraucherrechte und Umweltstandards, die in Europa gelten, gefährden. Auch Arbeitnehmerrechte seien in Gefahr, weil sie mehr von der Gnade der Konzerne abhängen würden, wenn TTIP, so der abgekürzte Name für das diskutierte Abkommen, Gesetz wird. Oder noch zugespitzter formuliert: TTIP nutze nur den Konzernen, schade aber allen Bürgern.

Die Freihandellüge – ein seriöses Buch

Das Buch erschien in der angesehenen Deutschen Verlags-Anstalt München. Schon das zeigt, dass es sich nicht um irgendein Buch oder irgendeine unwichtige Meinung zu TTIP handelt. Das würde die Deutsche Verlags-Anstalt nicht veröffentlichen. Und der Autor Thilo Bode ist nicht irgendwer. Der studierte Soziologe und Volkswirtschaftler arbeitete viele Jahre in der Industrie, bevor er von 1989 bis 1995 Geschäftsführer von Greenpeace Deutschland und danach bis 2001 von Greenpeace International war. Ein Jahr später gründete er Foodwatch und mischt sich, das Buch beweist es, immer wieder ein, wenn er die Umwelt, Verbraucher- oder Menschenrechte gefährdet sieht. Das macht ihm natürlich nicht nur Freunde. Eine Gegnerin ist z. B. Ilse Aigner von der CSU, die ihm vorwirft, er schüre ein Klima der Verunsicherung, um Spendengelder und Mitglieder für Foodwatch zu gewinnen. Gerade auf dem Gebiet Nahrungsindustrie deckte Thilo Bode mit seinen Veröffentlichungen Abgespeist oder Die Essensfälscher auf, wie wir von den Nahrungsmittelkonzernen betrogen werden und was wir dagegen tun können. Unverständlich deshalb, dass gerade eine Landwirtschafts- und Verbraucherministerin Thilo Bode kritisiert. Ein Klima der Verunsicherung und Ablehnung des Bestehenden ist doch die Basis für Verbesserungen.

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Die Freihandelslüge und ihre zwei Teile

Zwei Teile hat das Buch Die Freihandelslüge. Im ersten Teil erklärt Thilo Bode, was TTIP eigentlich ist. Für ihn bedeutet TTIP die Unterwerfung der Politik unter Konzerninteressen. Hart formuliert würden Parlamente entmachtet, weshalb Bode TTIP als Angriff auf die Demokratie deutet. Es würden Konzerninteressen zu Gesetzen und die Lobbyisten hätten es nach Unterzeichnung von TTIP noch leichter als bisher, die Politik zu steuern. Für Investoren bedeute der Vertrag gar eine Paralleljustiz, die sie besser stellt als jeden Bürger. Dem Volk wird TTIP dadurch verkauft, dass man auf mehr Arbeitsplätze und Wachstum der Wirtschaft durch TTIP setzt. Doch das sei ein Märchen. Der zweite Buchteil widmet sich der Frage, wie TTIP in unseren Alltag eingreifen würde, wenn das Kartell der Verharmloser die Verträge durchsetzen könnte. Gutes Essen sei bedroht (das berühmte Chlorhühnchen lässt grüßen), der Schutz vor Giften werde ausgehölt, unsere Vorsorge demontiert und die neue TTIP-Arbeitswelt entwickle einen Sog nach unten.

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Die Freihandelslüge und ihre Gewinner

Das, was TTIP ermöglichen soll, so Thilo Bode, nämlich den Freihandel, das gerade verhindere der Vertrag und leiste Wirtschaftsinteressen und Protektionismus Vorschub. Das Transatlantic Trade and Investment Partnership-Abkommen diene globalen Konzernen, die ihre Marktanteile und ihren Einfluss absichern und ausbauen wollten. Konzerninteressen würden durch TTIP in Gesetze gegossen. Das bedeute zwar Freiheit der Wirtschaft, aber nicht Freiheit der Gesellschaft. Und die Politiker spielen zum größten Teil mit. Denn auch wenn Millionen Menschen hierzulande gegen TTIP sind, glauben sie 500 Millionen Menschen rechtmäßig zu vertreten. Möglich, dass wegen dieser Arroganz der Macht immer weniger Menschen Lust verspüren, sich an Wahlen zu beteiligen.

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Worum es bei TTIP nicht geht

Es geht nicht um die Fragen, die immer wieder von den Befürwortern des Abkommens in den Vordergrund gerückt werden. Etwa darum, dass Airbags in der EU und in den Vereinigten Staaten unterschiedliche Kalibrierungen haben oder in Amerika rote Rücklichter, in der EU gelbe Rücklichter vorgeschrieben sind. Dass es sinnvoll ist, solche Regelungen zu vereinheitlichen, bezweifelt auch Thilo Bode nicht. Es geht darum, dass die Kompromisse, die dabei herauskommen, nicht zu Lasten der Bürger gehen und – bleiben wir beim Beispiel Airbag – eine Variante der Herstellung festgeschrieben wird, die zu weniger Sicherheit bei einem Aufprall führt, nur weil diese Variante für die Industrie günstiger herzustellen ist und mehr Gewinn bringt.

Auch wenn Angela Merkel und andere deutsche Politiker das Projekt TTIP als alternativlos beschreiben und Horrorszenarien an den Himmel malen wie die, dass uns größere Arbeitslosigkeit ohne TTIP drohe, dass Asien unsere Wirtschaft ohne TTIP überhole, dass wir uns von den Weltmärkten abkoppelten: Thilo Bode bleibt dabei, dass TTIP den Bürgern vor allem in Europa schade. Natürlich provoziert Thilo Bode in seinem Buch, er ist unbequem und geht mit dem Kartell der Wirtschaftsbosse und Politiker ins Gericht. Aber was, wenn es Menschen wie Thilo Bode nicht mehr gibt? Wenn es keine Denkanstöße mehr gibt?

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Die Freihandelslüge lesen und mitreden!

Die Freihandelslüge liest sich wie ein Krimi. Angesichts des Dargestellten ging mir der Hut hoch. Schon allein die Tatsache, dass nicht Politiker die Verhandlungen über TTIP führen, sondern Unternehmensvertreter, Lobbyisten und Juristen. Die Politiker braucht man am Ende nur noch zum Zustimmen. Na schön, vielleicht ist es für die gewählten Politiker einfach ein bisschen zu hoch, was da verhandelt wird. Doch wozu braucht es dann noch Politiker? So ist TTIP auch ein Zeichen dafür, dass sich unser politisches System immer mehr in Richtung einer marktkonformen Demokratie – ich würde sagen Oligarchie – bewegt.

Wer bei TTIP mitreden will, sollte Die Freihandelslüge gelesen haben – ob Befürworter oder Gegner!

Endlich frei von Mahtob Mahmoody

Kommt Ihnen der Name Mahmoody genauso bekannt vor, wie er mir bekannt vorkam, als ich den Titel Endlich frei von Mahtob Mahmoody auf der Bestsellerliste las? Mahmoody … Mahmoody … war das nicht die Frau … Ja, Betty Mahmoody war die Frau, die 1987 den Erfahrungsbericht Nicht ohne meine Tochter schrieb. Ein Weltbestseller. Schon 1991 hatte das Buch die 40. Deutsche Auflage erreicht, obwohl es hierzulande erst 1988 erschien.

Rückblick auf die Flucht aus dem Iran

Nicht ohne meine Tochter berichtet aus dem Iran der Jahre 1985/86, über die Ehe von Betty Mahmoody mit einem Iraner und über ihre Flucht mit ihrer Tochter aus dem Iran. Die Amerikanerin Betty Lover hatte in Amerika den iranischen Arzt Sayeed Bozorg Mahmoody geheiratet, eine Tochter bekommen und war dann auf einen zweiwöchigen Urlaub mit ihm in den Iran gereist, um seine Familie kennenzulernen. Doch dort eröffnet ihr Sayeed, dass er in Amerika seine Stelle gekündigt hatte und mit ihr und dem Kind im Iran leben wollte. Von seiner Frau fordert er Gehorsam und setzt ihr Bleiben mit Gewalt durch. Äußerlich versucht sich Betty anzupassen, aber heimlich sucht sie nach einer Möglichkeit zu fliehen. Das gelingt ihr aber erst nach 18 Monaten zusammen mit ihrer Tochter, indem sie über das Zagros-Gebirge in die Türkei flieht und von dort in ihre Heimat zurückfliegt.

Vielleicht verständlich, dass Betty Mahmoody später schreibt, ihr Mann sei „reines Produkt seiner Kultur, ein frauenhassender, mysteriöser Orientale“ und der Fanatismus sei Wesenszug der Iraner, auch wenn diese Beschreibung stark verallgemeinert ist und so sicher nicht der Wahrheit entspricht. Angeblich drohte ihr Mann, die Tochter aus den USA zu entführen, weshalb Mutter und Tochter zunächst einen anderen Namen annahmen und Betty Mahmoody eine Organisation gründete, um Kinder zu schützen, deren Eltern aus verschiedenen Kulturkreisen stammen. Mit ihrer Organisation schaffte sie es 1993, dass der International Parental Kidnapping Act in Amerika erlassen wurde. Das Gesetzt stellt es unter Strafe, Kinder unter 16 ohne Einwilligung beider Elternteile aus den USA zu verbringen.

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Die Geschichte aus der Sicht der Tochter

Jetzt meldet sich mit Endlich frei die Tochter von Betty Mahmoody zu Wort: Mahtob Mahmoody erzählt die tragische Geschichte aus ihrer Sicht. Zur Zeit der Flucht vor ihrem Vater und dessen Familie war Mahtob Mahmoody etwa sechs Jahre alt. Die heute 35-Jährige studierte Psychologin begann schon in ihrer Kindheit ihre traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Noch als Studentin hatte sie Angst vor ihrem Vater, Angst davor, dass er sie mit Gewalt in den Iran holen würde. Erst mit dem Tod ihres Vaters fühlte sich Mahtob befreit, dachte: „Es ist endlich vorbei.“ Doch noch immer hat sie Angst in den Iran zu reisen, weil sie dort als Muslimin gesehen wird, aber als Christin lebt. Lange Zeit beherrschte der Hass auf Ihren Vater ihr Leben, doch in der Zwischenzeit konnte sie ihm verzeihen und glaubt, dass er sein Leben im Glauben an die iranische Revolution verschwendete. Die Botschaft ihres Buches: Es gibt immer einen Weg aus der Hand der Peiniger. Man muss nur einen guten Plan haben.

Endlich frei ist keine Verarbeitung des Traumas, das Mahtob erlitt, denn die Verarbeitung fand in Gesprächen mit ihrer Mutter statt. Und im Psychologiestudium machte sie Resilienz zu ihrem Thema, also die Frage, wie man sich gegen Schicksalsschläge, Probleme oder Krankheiten seelisch wappnet. Das hat sie aber nicht vor Lupus, einer schweren Autoimmunkrankheit, geschützt, die zu Schwächeanfällen führt und zum Tod führen kann. Endlich frei ist ein Buch das inspiriert, wie man mit dem eigenen Schicksal umgehen kann.

Lassen Sie sich durch Infos über Endlich frei selbst inspirieren!

Stefanie Mann, Altenpflegerin

Die Frau Müller hat mir schon wieder die Zähne geklaut. So lautet der Titel des Buches von Stefanie Mann. In der Widmung steht: „Für alle Altenpflegerinnen und Altenpfleger und für alle, die es werden wollen.“ Mit anderen Worten: Das Buch ist nichts für mich und wahrscheinlich auch nichts für Sie. Wer will heute schon Altenpfleger oder Altenpflegerin werden? Wie viele andere soziale Berufe wird der Beruf des Altenpflegers zwar in politischen Sonntagsreden hochgelobt, aber bei der finanziellen Anerkennung hapert es. Das, die manchmal schwere körperliche Beanspruchung und unorthodoxe Dienstzeiten tragen nicht dazu bei, dass viele Menschen sich für diesen Beruf entscheiden.

Eine Altenpflegerin erzählt

Stefanie Mann, 1988 geboren, gelernte Autolackiererin, hat dennoch die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft gemacht und als Altenpflegerin ihren Traumberuf gefunden. Die Liebe zum Altmetall wandelte sich in die Liebe zu alten Menschen. Ihr Buch ist ein tiefer Einblick in das Altenheimleben. Mit Stefanie Mann (ein Pseudonym) fahren wir nicht an der Fassade der wohltätigen oder paritätischen oder caritativen Altenpflege vorbei, sondern treten an das Bett der Dementen, die selbst ihre Angehörigen nicht mehr erkennen. Und sich manchmal weigern, die Zähne putzen zu lassen. Stefanie Mann kann von Glück reden, wenn die Zahnpflege-Verweigerer wenigstens Mundwasser gurgeln.

„Jungs wie dich brauchen wir bei der Reichswehr“, meinte der betreute Senior, der sich gern „Obergefreiter Johannes“ nennen lässt, an Stefanie Mann gewandt. Auf deren Antwort „Ähm, ich bin ein Mädchen“ kam der Satz „Na, dann bekommste eben Kinder und kriegst von unserem Führer das Mutterkreuz“. Eine Altenpflegerin muss hart im Nehmen sein. Denn im nächsten Zimmer kann das nächste kuriose Abenteuer lauern. Was würden Sie machen, wenn Ihnen ein Siebzigjähriger seinen Essensteller mit einer perfekten Schnecke des morgendlichen Stuhlgangs in zartem Olivgrün und mit den Worten entgegenhält: „Da, mei Mad, für dich!“? Jeder Tag bringt neue Überraschungen für eine Altenpflegerin. Und Dienstpläne sind gut für die Statistik, haben aber nicht immer etwas mit der Wirklichkeit zu tun. Ein Anruf um 5 Uhr morgens, ob man bitte am freien Tag kommen könne, weil jemand anderes ausgefallen ist, gehört zwar nicht zum Alltag, aber ganz ungewöhnlich ist er nicht. Und das Wort Wochenende gehört zwar zum Sprachschatz einer Altenpflegerin (Männer machen meist einen großen Bogen um den Beruf), doch wie sich ein freies Wochenende anfühlt, ist eine Erfahrung, für die oft lange gewartet werden muss.

Von einer Altenpflegerin lernen

Wie gesagt: Ginge es nach der Widmung des Buches hätte ich es nicht lesen dürfen. Aber das Thema interessierte mich. Und in meinem Umfeld gibt es viele Familien, die ihre Angehörigen zu Hause betreuen oder erzählen, wie es ihren Eltern im Altenheim geht. Ich selber war kaum von der Altenpflege betroffen. Nur mein Schwiegervater und meine Schwiegermutter lebten in meinem familiären Umfeld. Und beide waren fit bis zum Ende. Nachdem mein Schwiegervater innerhalb weniger Wochen im Krankenhaus gestorben war, zog meine Schwiegermutter in ein Betreutes Wohnen. Auch sie blieb fit bis wenige Wochen vor dem Tod, den sie ebenfalls im Krankenhaus erlitt. So machte ich wenig Erfahrungen mit der Altenpflege, weiß aber, welche Belastung das Thema für die nachwachsende Generation ist, egal, ob die Eltern im Pflege-/Altenheim oder zu Hause leben.

Allen Menschen, die ihre Verwandten pflegen (lassen), sei das Buch Die Frau Müller hat mir schon wieder die Zähne geklaut ans Herz gelegt. Es ist keine fachwissenschaftliche Anleitung zum Umgang mit Senioren oder Dementen oder Hilfsbedürftigen, aber zwischen den Zeilen lernte ich sehr viel über das „richtige“ Verhalten. Und konnte sogar noch schmunzeln. Denn das Thema Altenpflege rührt Stefanie Lang nicht mit Samthandschuhen oder falscher Scham an, sondern beschreibt die Bedingungen und Zustände herzhaft, klar, menschlich und ehrlich. Deutlich wurde mir beim Lesen, welche Verantwortung Pflegekräfte haben. Sie wischen nicht nur Dreck weg oder putzen Hintern ab. Nachlässigkeit des Personals kann tödlich für die Betreuten sein! Eine Altenpflegerin muss Krankheiten erkennen, mit Ärzten zusammenarbeiten, psychologische Hilfestellung geben und und und

Ich finde, auch wenn Sie keine Altenpflegerin, kein Altenpfleger sind oder werden wollen, lohnt es sich das Buch zu lesen. Danach sehen Sie das Thema Altenpflege mit anderen Augen!

Gesellschaft der Angst von Heinz Bude

Mit dem Buch Gesellschaft der Angst trifft Heinz Bude den Zustand unserer derzeitigen mitteleuropäischen Gesellschaft sehr genau. Heinz Bude ist kein Unbekannter und hat schon viele Bücher soziologischen Inhalts geschrieben. Bekannt sind z. B. die Publikationen Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948 (1995), Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft (2008) oder Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet (2011). Bude ist Professor an der Universität Kassel und arbeitet zudem am Hamburger Institut für Sozialforschung, abgekürzt HIS. Gegründet wurde es 1984 von Jan Philipp Reemtsma, um aufklärendes Denken über die Gesellschaft und das Individuum zu fördern. Das heute renommierte unabhängige sozialwissenschaftliche und zeitgeschichtliche Forschungsinstitut machte sich durch ihre „Wehrmachtsausstellung“ einer breiten Öffentlichkeit bekannt, die eine breite Diskussion über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht auslöste und das Bild einer „sauberen“ Wehrmacht zerstörte.

Zu dem Hamburger Institut gehört ein Buchverlag, die Hamburger Edition, der 1994 gegründet wurde und beachtenswerte und viel diskutierte Bücher veröffentlichte. In diesem Verlag erschien kürzlich auch Gesellschaft der Angst von Heinz Bude, der von 1997 bis 2013 einen von drei Arbeitsbereichen des HIS leitete (Die Gesellschaft der Bundesrepublik). Hier hat er eine wachsende öffentliche Wirkung erlangt, weil er einen wachen und kritischen Blick auf unsere Gesellschaft wirft.

Das Buch Gesellschaft der Angst erinnert ein wenig an die Risikogesellschaft von Ulrich Beck. Fast könnte man es als Fortschreibung für heute lesen. Heinz Bude untersucht den Zustand der Mittelschicht in Deutschland und konstatiert eine Gesellschaft, die von Angst geprägt ist. Alles macht dieser Mittelschicht Angst. Jobs sind nicht mehr sicher und damit auch nicht das Bankkonto und der Status. Rivalität herrscht im Büro und im Bett. Dazu die großen Ängste – vor Klimaerwärmung, der Zukunft der Kinder, den Rechtsradikalen oder dem Islam / Islamismus. Zukunftsangst, Angst vor Deflation, Terrorangst, Verlustangst, die Angstliste ließe sich fortsetzen. Angst macht die Leute müde, energielos, lustlos und beschränkt, denn sie wollen keine Hiobsbotschaften mehr hören, interessieren sich nicht mehr für die Probleme der globalisierten Welt.

Gesellschaft der Angst

Unsere Moderne ist durch Unsicherheit geprägt und hat Angst zur Grundlage des Lebens gemacht. In einer lesbaren Sprache präsentiert Heinz Bude in seiner Untersuchung Lebensumstände, die jeder von uns kennt. Dazu Fallbeispiele, Fakten und Studienergebnisse. Lebte der Mensch in den 1980er Jahren schon wie ein Artist auf einem Drahtseil, das ihm der Kapitalismus spannte, so hat der Neoliberalismus unsere Existenz noch schwieriger gemacht. So gut wie nichts mehr ist vorgegeben, kein Weg der Selbstentfaltung ist verschossen, wir haben multioptionale Wahlmöglichkeiten. Doch was ist die richtige Wahl? Durch die 2008 aufgebrochene Wirtschafts- und Finanzkrise verliert sich das Gefühl, auf einer Insel der Glücklichen zu leben, Endzeitstimmung macht sich breit. Denn keiner hat mehr die Garantie, dass er ein sinnvolles Leben führen, die Work-Life-Balance halten kann. Jeder muss sich den Prüfungen der Krise stellen. Nur schwer können die durch die neue Wirtschafts- und Weltordnung bedrohten Mittelschichtmenschen in ihren Redaktionen, Ingenieurs- oder Architektenbüros das Gefühl bekämpfen, abgehängt zu werden. Teile der Mittelklasse gehören zu den Bildungsverlierern, weil sie das „Falsche“ studiert haben, etwas, das heute nicht mehr gefragt ist, weil der Kapitalismus, der alles Leben in produktives, symbolisches, soziales oder ökonomisches Kapital verwandelt, keine Verwendung mehr für sie hat.

Der Leistungsdruck hat enorm zugenommen und lässt immer mehr Verlierer zurück, Leute, die sich betrogen fühlen. Durchsetzen kann sich nur noch derjenige, der sich geschickt in Szene setzen kann, sozial etwas gilt, einen guten Eindruck macht, was wiederum bei anderen zu Anstrengungen führt, „groß herauszukommen“. Die reine Leistung im Beruf bedeutet heute nicht mehr automatisch Erfolg – und das führt zu Ressentiments. Konkurrenz, Verlierer wohin der Einzelne blickt, denn „the winner takes it all“. Jeden Moment kann das eigene Leben zerbrechen. Es braucht Schläue statt Klugheit, Gerissenheit statt Gerechtigkeit in dieser neuen Welt. Mit Höflichkeit oder Freundlichkeit kommt niemand mehr weiter, es sei denn, er setzt sie taktisch ein. Besonders ernüchternd ist die Erkenntnis, dass eine gute Bildung heute nicht mehr automatisch dazu führt, dass man einen guten Platz innerhalb der Gesellschaft besetzt. Das frühere Aufstiegsversprechen ist zu einer Drohung geworden, dass auch der Abstieg schnell möglich ist. Der gesellschaftliche Boden, auf dem wir uns bewegen, ist in der Gesellschaft der Angst schliddrig geworden. Politisch betrachtet, können diese sich ausbreitenden Ängste unsere Gesellschaft zerstören, so die Diagnose des Professors Bude.

Aber warum sind wir zu einer Gesellschaft der Angst geworden? Heinz Bude meint, wir Heutigen folgten nicht mehr unserem eigenen inneren Kompass, sondern verglichen uns zu sehr mit anderen. Soft Skills, Teamwork, die ständige Aufforderung Kompromisse einzugehen, habe uns zu Radarmenschen gemacht, die extern bestimmt werden, sich ständig mit anderen vergleichen und so unsicher werden. Radarmenschen seien abhängig vom Facebook-Button „I like“ der anderen. Einen anderen Halt als die anderen gebe es nicht. Viele Menschen hätten das Gefühl, dass „es die Anderen besser hinbekommen“. Weil wir bei anderen sehen, welche Lebenschancen bestehen, haben wir Angst davor uns auf etwas Dauerhaftes einzulassen und versuchen uns ständig alle möglichen Optionen offenzuhalten. Das aber führt zu Sinnstress. Dazu kommt die Brüchigkeit von Beziehungen, weshalb junge Leute heute wieder mit Kindern Beziehungen schaffen wollen, die dauerhaft halten. Die Familie heute ist nicht mehr partnerzentriert wie früher, sondern kindzentriert. In allen Bereichen ist der Einzelne heute herausgefordert Selbstoptimierung zu betreiben, um mithalten zu können, das Extra bieten zu können, das ankommt.

Esoterik, Fitnesstraining, Coaching etc. versprechen einen Weg der Angstfreiheit, doch kann es keine Freiheit von Angst geben. Ängste sollte als Veränderungsaufruf gedeutet werden, denn wer sich von Angst leiten lässt, verpasst das Realistische und vermeidet Arbeit an sich selbst. Wer jedes Risiko scheut, verspielt die Zukunft. Egal, wie verheißungsvoll die Türen aussehen, durch die wir treten können: Nicht alle Türen lassen sich von uns öffnen. Heinz Bude hält es durchaus für möglich, dass die Menschen heute wieder mehr Solidarität an den Tag legen, weil nur Solidarität Gemeinschaftsgefühle schaffen kann. Mitmenschlichkeit als Folge der Angst und Möglichkeit, die Angst zu überwinden. Allerdings mache Angst auch für Demagogen empfänglich, die Menschen leichter als früher verführen können. Dazu müsste sich aber die Solidarität durchsetzen und die Zeit der rationalen Egoisten zu Ende gehen. Eine Ratgeberweisheit hält Budes Buch und Analyse jedoch nicht bereit. Wie mit der Angst umgehen? Die Strukturen, die zu der Angst führen, aufbrechen? Dazu müsste es aber zu der kapitalistischen Ordnung, in der wir leben, eine Alternative geben, doch die scheint noch keiner denken zu wollen. Noch erscheint unsere Gesellschaftsordnung als alternativlos.

Gesellschaft der Angst gibt es bei Weltbild in zwei E-Book-Varianten:

als eBook / ePub3

als eBook / PDF