Der Winter, der ein Sommer war

winter sommerIrmgard Schneeberger ist eine der meistgedruckten deutschen Schriftstellerinnen, den meisten Leserinnen jedoch unbekannt. Ich schreibe bewusst Leserinnen, denn Sandra Paretti, so ihr Pseudonym neben Barbara Gray, wurde und wird kaum von Männern gelesen. Unterhaltungsschriftstellerin für die großen Gefühle und „weiblicher Konsalik“ nannte sie der SPIEGEL. Viele Literaturkritiker konnten nichts mit der 1935 in Regensburg geborenen Schriftstellerin anfangen oder kritisierten sie als Erschafferin von Traumwelten. Gerecht erscheint das nicht, denn Paretti studierte nicht nur Musik und Germanistik in München, Paris und Rom, sondern promovierte auch über Das Kunstmärchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das und die Tatsache, dass ihr Schreiben einen psychologischen Grundzug aufwies, zeigt, dass Paretti sich mit ihrer Kunst intellektuell auseinandersetzte und nicht nur weibliche Sehnsüchte befriedigen wollte. Der beste Beweis dafür ist ihr Buch Das Echo Deiner Stimme, in dem sie sich mit der Biographie ihrer Mutter und ihrer Kindheit in Regensburg auseinandersetzte.

Einen großen Aufschrei verursachte Sandra Paretti, als sie 1994 mit Hilfe der Schweizer Sterbehilfe-Vereinigung EXIT Suizid beging. Das wäre noch nicht das Erregendste gewesen. Aber dass die exzentrisch lebende Schriftstellerin, die u. a. an den Drehbüchern zu der Fernsehserie „Das Traumschiff“ mitarbeitete, in der Neuen Züricher Zeitung eine euphorische Todesanzeige („Auch das große Fest des Lebens verlasse ich mitten in dem Walzer, zu dem ich eigentlich durch Frühlingswiesen und Vergissmeinnicht-Nächte bis ins Jahr 2000 tanzen wollte …“) veröffentlichte, verziehen ihr viele Moralapostel nicht. Indem sie in der Anzeige der Sterbehilfe-Organisation dankte, habe sie Werbung für den Freitod gemacht. „Wie gerne habe ich mit Euch Feste gefeiert, und doch, Ihr erinnert Euch, war ich immer die erste, die verschwand, lange, bevor die Kerzen herunterbrannten und die Musik verstummte“, schrieb sie in der Anzeige. Ein Satz, der aus ihren Büchern stammen könnte. Klar, dass die Boulevard-Zeitungen tagelang kaum ein besseres Thema hatten. Das Thema Sterbehilfe und eine schöne Leiche, denn Sandra Paretti war eine feine Frau, konnte in den Gesellschaftsspalten der Zeitungen kaum getoppt werden. Raffinesse, Üppigkeit, knöchellange Roben … angeblich empfand sich die Paretti als schöne Dekoration in einem Theaterstück. Jedenfalls trat sie so auf.

Herz-Schmerz gab es nicht nur in ihren Romanen, sondern auch in ihrem Leben. Ganz bewusst entschied sie sich nach Anfangszeiten als Journalistin für die Abendzeitung, kinderlos zu bleiben, um als freie Schriftstellerin arbeiten zu können. Die historischen Romane, auf die sie sich spezialisierte, waren ihre Kinder: Der Wunschbaum, Maria Canossa, Tara Calese, Rose und Schwert, Lerche und Löwe, Purpur und Diamant, Das Zauberschiff, Märchen aus einer Nacht, Der rote Vogel, Südseefieber, Villa Parese oder Paradiesmann lauteten die Namen. Zwischen den Buchdeckeln Frauenhelden, Amouren, Chuzpe von Lebenskünstlern, idyllische Strände, exotische Paradiese, Luxus und Geheimnis, Leidenschaft und Charisma, Überraschungen in Herrenclubs, Pariser Französinnen, Kronprinzessinnen und Mädchenhändler – nichts ließ sie aus, was Frauenherzen bewegen kann. Mehr als 30 Millionen Bücher waren zu ihrem Tod gedruckt und in fast 30 Sprachen übersetzt. Das Geld für ihre Werke ermöglichten Frau Schneeberger, die 15 Romane schrieb, ein Leben wie im Roman, zuletzt in einem kitschigen Ambiente am Zürichsee, wo sie sich einen Namen als Partylöwin von Zürich machte.

winter sommerDer Winter, der ein Sommer war heißt ihr wohl erfolgreichstes Buch. Es erschien 1972 und wurde 1976 in mehreren Teilen für das ARD-Fernsehen verfilmt. Es handelt sich um einen Gesellschaftsroman mit historischem Hintergrund und einer sozialkritischen Note, der auf Tatsachen beruht. Denn 1776 schloss der hessisch-kasselsche Landgraf Friedrich II. mit dem britischen König einen Vertrag. Darin mietete der Brite für 30 Taler Kopfgeld etwa 12.000 Soldaten aus der deutschen Landgrafschaft, um sie im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg einzusetzen. Rücksichtslos wurden Menschen wie Schlachtvieh ihrer Freiheit beraubt, während sie dem Landgrafen Gelder in die Kasse spülten. In Der Winter, der ein Sommer war wird einer seiner hartnäckigen Werbeoffiziere umgebracht. Dadurch kommt Robert von Haynau unter Mordverdacht. Der mit ihm verfeindete Stiefbruder Claus von Haynau liefert ihn seinen Verfolgern aus, und Robert soll hingerichtet werden. Doch stattdessen landet er bei den Söldnern, die für Amerika bestimmt sind. Oberst Rall beordert ihn ausgerechnet in das Bataillon, das Claus von Haynau unterstellt ist. Claus von Haynau schikaniert seinen Stiefbruder Robert. Deshalb will der zusammen mit Soerman und seiner Mutter zu dem unweit gelegenen Besitz seines leiblichen Vaters fliehen. Claus versucht das zu verhindern und als 1776 die Amerikaner unter General Washington die Hessen-Söldner zu Weihnachten am Delaware überraschend angreifen, spitzen sich die Auseinandersetzungen zwischen Claus und Robert zu.

Lange wurde der historische Roman lange nicht mehr nachgedruckt. Das E-Book und die Digitalisierung machten uns die Neuauflage für den tolino möglich: Nur bei Weltbild erhalten Sie den Top-Titel zu einem exzellenten Preis! Der Winter, der ein Sommer war hier ohne DRM downloaden!

Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty

Anthony Horowitz´ Buch Der Fall Moriarty erschien 2014 im Insel-Verlag Berlin. Mit diesem Buch knüpft Anthony Horowitz an Sir Arhur Conan Doyle und seine Figur Sherlock Holmes an, die bis heute Vorbild des analytisch-rational ermittelnden Privatdetektivs ist. Weil ihm das Verfassen ständig neuer Sherlock-Holmes-Kurzgeschichten und Romane zum Hals heraushing und er lieber historische Romane schreiben wollte, versuchte Doyle sich seiner Detektiv-Figur zu entledigen. Er erschuf die Figur James Moriarty, den gefährlichsten Gegner, den Sherlock Holmes je hatte, weil er dem Detektiv intellektuell gleichwertig war. Professor James Isaac Moriarty wurde von Arthur Conan Doyle als „Napoleon des Verbrechens“ erfunden. Der Schriftsteller führte ihn in The Final Problem (Das letzte Problem) ein. Moriarty sollte Sherlock Holmes umzubringen und so die Sherlock-Holmes-Geschichten beenden. Doyle schreibt Moriarty ein außergewöhnliches mathematisches Talent zu, das schon in der Kindheit aufschien und Moriarty mit 21 Jahren eine Abhandlung über den Binomischen Lehrsatz verfassen lässt, die ihn auf den Lehrstuhl einer englischen Universität hievt. Von dort geht Moriarty als Berater des Militärs nach London, wo er ein Verbrechersyndikat aufbaut. Sherlock Holmes erkannte bald Moriartys Bedeutung und schrieb dessen Organisation die Hälfte der Londoner Verbrechen zu. Dem kriminalistischen Spürsinn Holmes´gelang es nach und nach, Moriartys Verbrecherring in London zu sprengen, doch konnte Moriarty entkommen und nach Frankreich, Belgien und dann in die Schweiz flüchten. Im Land der Alphörner und Banken kam es am 4. Mai 1891 an den Reichenbachfällen nahe Meiringen zu einem Zweikampf, bei dem die beiden Kontrahenten in den Abgrund der Reichenbachfälle abstürzten und in deren komplizierten Kesselsystem untergingen.

Der Tod des beliebten Privatdetektivs Sherlock Holmes hatte Empörung der großen Lesergemeinde von Doyle zur Folge, der sich für das abrupte Ende verteidigen musste und das mit den Worten tat: „Wenn ich Sherlock Holmes nicht getötet hätte, hätte er zweifellos mich getötet.“ Aber die Fangemeinde des Super-Kriminalisten gab nicht auf, so dass sich Arthur Conan Doyle 1901 erweichen ließ, Sherlock Holmes auferstehen zu lassen. Doyle baute ihn seinen Roman „Der Hund von Baskerville“ ein, der vor Sherlock Holmes´ Tod spielte und ein großer Erfolg wurde. Doyle verdiente an dem Buch so viel Geld, dass er Sherlock Holmes Tod in der Kurzgeschichte „The Empty House“ („Das leere Haus“) revidierte. In ihr erzählt Holmes, dass er an den Reichenbachfällen mittels einer japanischen Kampfkunst dem Griff Moriartys entkommen konnte und sich nach dem Tod des bösen Professors in den Wasserfällen über die Klippen retten konnte. Dass er für tot erklärt wurde, nutzte Holmes, um drei Jahre mit Studien und Reisen im Ausland zu verbringen und frei von Verpflichtungen zu sein. Nur sein Bruder Mycroft wusste Bescheid und finanzierte ihn. Mit dieser Fiktion konnte Arthur Conan Doyle eine zweite Sherlock-Holmes-Phase einleiten, in der er drei Kurzgeschichten-Sammlungen und den Roman The Valley of Fear (Das Tal der Angst) verfasste. Die letzte Sherlock-Holmes-Geschichte erschien 1927.

Moriarty

Sherlock Holmes entwickelte ein langes Nachleben, auf das hier nicht eingegangen werden kann. Nur soviel: Es gibt noch heute Menschen, die glauben, Sherlock Holmes sei eine historische und lebende Person gewesen. So realistisch schilderte Doyle seinen Helden. Ähnliches geschah auch Professor Moriarty. Besonders seit den 1970er Jahren beschäftigten sich Autoren und Regisseure mit seiner Person. So tauchte er 1974 in Nicholas Meyers Roman Kein Koks für Sherlock Holmes auf. In dem Film Das Geheimnis des verborgenen Tempels von 1985 erscheint Moriarty als Lehrer von Sherlock Holmes. Auch in dem Buch Der letzte Sherlock-Holmes- Roman (1978) oder in The Secret of Sherlock Holmes (1988) lebte Moriarty weiter. Nur ein paar Beispiele, die für ungezählte weitere stehen. Übrigens gibt es auch Bücher, in denen auch Moriarty den Sturz in die Reichenbachwasserfälle überlebt …

Mit dem Roman The House of Silk (Das Geheimnis des weißen Bandes) wandte sich der vielfache englische Literatur-Preisträger Anthony Horowitz dem Sherlock-Holmes-Thema zu. Es war der erste neue Roman um den genialsten Detektiv aller Zeiten seit dem Tod von Arthur Conan Doyle. Dem internationalen Bestseller-Autor Anthony Horowitz gelang dabei das Kunststück, den Schreibstil Arthur Conan Doyles perfekt zu imitieren. Der Fall Moriarty von Horowitz setzt mit dem Tod von Sherlock Holmes an. Ein paar Tage nach dem Sturz in die Reichenbachwasserfälle kommt der Pinkerton-Detektiv Frederick Chase von New York nach Europa. Denn in London tauchte ein mysteriöser Mann mit dem Namen Devereux auf und nahm Moriartys Platz in der Verbrechenswelt ein. Zusammen mit dem Scotland-Yard-Ermittler Athelney Jones verfolgt Chase nun den Nachfolger Moriartys. Dabei verbindet sich der Stil der alten Holmes-Geschichten mit der Rasanz von heutigen Thrillern. Ein besonderer Tipp für Fans des Krimi-Genres!