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Siri Hustvedt, Die gleißende Welt

Gleißen ist ein dichterisches Wort. Ein Wort, das auf die Rote Liste gefährdeter Wörter gehört, denn wer sagt schon „Die Sonne gleißt über der Küste“ oder „Es ist gleißend hell“? Kein Wunder: Das Wort kommt aus dem Mittel- bzw. Althochdeutschen, wo es ursprünglich wohl „blank“ oder „glatt sein“ bedeutete. Lang, lang ist´s her. Heute würde ich wohl funkeln, glänzen, glitzern, blenden oder leuchten sagen, wenn ich gleißen meine. Die gleißende Welt also die leuchtende Welt. Wie kommt ein gerade erst erschienenes Buch dann zu einem so altertümlichen Titel wie Die gleißende Welt?

Rowohlt, der Verlag, der das Buch von Siri Hustvedt im Deutschen veröffentlichte, erklärt es so: Die gleißende Welt war der Titel eines utopischen Romans von Margaret Cavendish. Margaret Cavendish, Duchess of Newcastle, geboren 1623, gestorben 1673, war eine der ersten Frauen überhaupt, die unter ihrem eigenen Namen publizierten. Sie schrieb über Geschlechter- und Machtfragen, korrektes Benehmen, die Naturphilosophie – und eben den Roman Die gleißende Welt. An dieser Stelle beginn die Fiktion von Siri Hustvedt.

Die Geschichte in Die gleißende Welt

Ihr Buch Die gleißende Welt führt Harriet Burden als Witwe eines bedeutenden New Yorker Galeristen ein. Sie ist nichts als die Frau an der Seite ihres berühmten Mannes. Bis der viel zu früh stirbt. Harriet Burden nimmt sich die frühe Wissenschaftlerin und Dichterin Margaret Cavendish als Vorbild und spielt ein Spiel oder führt ein Experiment durch. Mitten in der Kunstwelt, deren Chauvinismus sie vorführen will. Entwickelt wird die Geschichte aus der Sicht einer Kunsthistorikerin, die 2004 in New York das Leben der erst vor kurzem verstorbenen hochbegabten Künstlerin Harriet Burden aufarbeiten will, dabei aber ein Puzzlespiel von chaotischen Tagebucheinträgen, Protokollen über Projekte und Gespräche vorfindet. Im Zusammensetzen der Lebensgeschichte von Harriet Burden wird der Kunsthistorikerin die Doppelbödigkeit dieses Lebens deutlich. Harriet Burden, so die Forschungsergebnisse der Kunsthistorikerin, wollte nach dem Tod ihres Mannes ihre eigene Kunst erfolgreich sehen und gleichzeitig zeigen, dass die moderne Kunstwelt frauenfeindlich ist, da sie Werke von männlichen Künstlern höher bewertet als von Frauen. Drei Kollegen stellten die Burden-Installationen unter ihrem eigenen Namen aus. Harriet Burden benutzte die Männer als Masken. Und schon die Griechen wussten, dass Masken ein Mittel der Enthüllung im Theater sind, nicht ein Mittel der Verkleidung. Mit zwei der Künstler gelang Harriet Burden genau das, was sie wollte: Ihre Burden-Installationen hatten Erfolg und zeigten, dass Werke eines Mannes besser ankommen als Werke einer Frau. Mit dem dritten Mann allerdings geriet ihr das Experiment außer Kontrolle. Er durchkreuzte ihr Rollenspiel und setzte sein eigenes dagegen.

Die gleißende Welt und ihr Hintergrund

Siri Hustvedt geht es in dem Buch um die Macht von Vorurteilen, Begierden, Geld und Ruhm. Dabei ist ihre Hauptfigur Harriet Burden sehr komplex angelegt. Nicht klar ist, ob sie gesehen werden wollte oder nur über ihre Kunst erscheinen wollte. Nicht klar ist, ob sie sich den Platz an der Seite des berühmten Mannes selbst suchte oder sie ihr Mann in seinen Schatten stellte. Zwar hat sie Launen und ein starkes Ego, aber sie ist gleichzeitig einsam und sensibel. Die ZEIT entdeckt zwischen Harriet Burden und Siri Hustvedt Parallelen: Auch Hustvedt habe lange Jahre gebraucht, um nicht mehr als Anhängsel ihres Mannes Paul Auster wahrgenommen zu werden. Sie sei somit eine Widergängerin der Herzog von Newcastle. Ob das so einfach ist? Vielleicht hatte sie nur immer wieder reichliche Gelegenheiten, die unterschiedliche Rezeption weiblicher und männlicher Künstler zu beobachten.

Das Buch Die gleißende Welt von Siri Hustvedt wurde 2014 für den Man Booker Preis vorgeschlagen. Imagepflege, vorgeformte Rollenbilder, Kampf um Anerkennung – das Drama einer intellektuellen, aber verkannten Künstlerin breitet sich aus. Dafür Beispiele in der Wirklichkeit zu finden, ist kein Problem. Über eine solche Künstlerin schrieb Hustvedt in dem Essayband „Leben, Denken, Schauen“ einen Beitrag: Louise Bourgeois. Ist das Buch also ein feministisches Manifest? Nein, dazu ist es viel zu vielschichtig – psychologisch und philosophisch. So vielschichtig wie unsere komplexe Gegenwart!

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Ein Kommentar

  1. Schöne Kritik. Der Roman ist wirklich vielschichtig, weil ja zum Teil auch echte und fiktive Referenzen genannt werden. Übrigens ist nicht klar, weleches Geschlecht die Person hat, die die Geschichte aufarbeitet, da der Vorname abgekürzt wird. Und schon kann das dazuführen, dass jede(r) selbst in die eigenen Vorstellungen tappt, ob eine Kunsthistorikerin oder ein männlicher Kollege dahinter steckt. 🙂

    Meine Kritik dazu: http://popshot.over-blog.de/2015/05/siri-hustvedt-die-gleissende-welt-roman.html

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